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"Nimmt das denn nie ein Ende?"

So vieles geschieht zur Zeit auf der Welt. In weiter Ferne in fremden Ländern oder in unmittelbarer Nähe, im eigenen Land. Unverständliches, Trauriges, Hoffnungslosigkeit, Schmerz, Wut, Angst, Sinnlosigkeit.

„Nimmt das denn nie ein Ende?“

Ich stimme ein in die Worte von Bundespräsident Moritz Leuenberger zum Ereignis des Absturzes eines Crossair Jumbolinos bei Bassersdorf, welche ich soeben im Radio höre. Und ich zitiere den Bundespräsidenten nicht nur aus persönlicher Sympathie, sondern auch darum, weil andere Worte von ihm – im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 11. September – einer Frau mit massiver Angstproblematik sehr gut getan haben.

Wir alle sind in den vergangenen Wochen mit diesen Ereignissen betroffen worden. Es gibt kein Leben mehr wie davor, sagt man rund um den Erdball. Für mich heisst dies, ich werde mich mit der Realität anfreunden müssen, dass angestrebter Friede und Harmonie in globalen Dimensionen weiterhin ausserhalb des Machbaren liegt.

Konflikte, Unstimmigkeiten, Disharmonie haben ihren Anfang in unseren nächsten Beziehungen. Als mit uns selbst Unversöhnte tragen wir immer wieder mit dazu bei, dass Unversöhntheit in zwischenmenschlichen Beziehungen wird. Der ersehnte andauernde Frieden in nahen Beziehungen, in Familien, am Arbeitsplatz, in Hauskreisen und christlichen Gemeinden kann auf dieser Erde nicht sein. Wir alle sind im Verfolgen dieses Zieles gescheitert. Wir werden uns mit der Realität anfreunden müssen, dass angestrebter Friede und Harmonie auch in persönlichen Beziehungsdimensionen weiterhin ausserhalb des Machbaren liegt.

Jetzt den Kopf in den Sand stecken und sich in eine düstere Welt- und Beziehungsuntergangsstimmung zu begeben, ist aber nicht der Ausweg. Vielmehr können wir jetzt – wo wir sehen und erfahren dass es anders offenbar nicht geht – anfangen, uns mit dem Feind auf den Weg der Versöhnung zu begeben. Der Feind, nämlich das Schmerzliche, das Unvollkom­mene, das Verletzende, das Angstvolle, das Traurige wird uns in unseren engsten Beziehungen, in unseren Familien, in unseren liebgewordenen Gruppierungen, in unseren christlichen Gemeinden begegnen. Und wir werden dabei das Glaubensparadox an uns erfahren, dass etwas auf Erden erst dann ganz ist, erst dann erfüllt ist, wenn auch das Feindliche mit dazugehören darf. Der Tisch ist dann gedeckt, wenn das Feindliche mit an diesem versammelt ist.

Paradox Nummer eins:
Lebendige und erfüllte Beziehungen sind dann möglich,
wenn das als feindlich Empfundene mit dazugehören darf.

Eine Meditation als hilfreiche Übung, Worte aus Psalm 23: Ich lese die Worte wiederholt, halte an, lasse diese wirken, ich verkoste die Worte: „Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde.“

Beziehungen pflegen, Gemeinschaft pflegen wird in der heutigen Zeit der zunehmenden Individualisierung und Vereinzelung grossgeschrieben. Program­me von christlichen Gemeinden versuchen, Menschen zum Pflegen von verbindlicher Gemeinschaft zu bewegen. Wir haben im formulierten Paradox Nummer eins gesehen, dass das Miteinschliessen vom Feindlichen in Beziehungen, in die Gemeinschaft, heilsame, ganzwerdende Wirkung hat. Und ich füge hier ein zweites Paradox an. Nicht wenige Menschen erwarten von der Gemeinschaft, von Beziehungen die grosse Erfüllung ihrer Sehnsüchte und Hoffnun­gen. Solche Erwartung wird früher oder später enttäuscht.

Paradox Nummer zwei:
Wesentliches Element im Einüben von gemeinschaftlichem Leben, ist das Einüben vom Alleinsein,
das Einüben der Gemeinschaft mit sich selbst.

Am Ende sind wir dann wieder ganz alleine. Das Leben von uns allen bewegt sich über den grossen Bogen von Zeugung-Geburt und Sterben. Beides sind Orte, Momente, welche wir nicht machen, sondern nur an uns geschehen lassen können.

Dabei fällt mir ein, dass wir ja nicht nur geboren werden, sondern auch gestorben werden. Schaue ich den Tod als etwas an, was in Gottes Händen liegt, dann werde ich ja eigentlich auch von Gott gestorben. Für mich, wenn ich das jetzt schreibe und wirken lasse, ein beruhigender, wohltuender Gedanke.

Am Ende sind wir dann wieder ganz alleine. Der leibliche Tod ist der Ort, wo wir alle dieses Alleinsein letztlich erfahren werden. Mein zweites Paradox lautet: Ein wesentliches Element ist das Einüben vom Alleinsein. Das Alleinsein, die Gemeinschaft mit sich selbst, mit all dem, was uns dort begegnet, dem Vielen, dem Wenigen. In der Gemeinschaft im Alleinsein mit sich selbst ist auch der Ort, wo tiefe Gemeinschaft mit Gott dem Vater, mit Jesus Christus und dem Heiligen Geist möglich wird. Oft verwechseln Menschen die Gemeinschaft mit Gott mit der Gemein­schaft mit anderen Menschen, mit dem Gottesdienst, dem Gemeindeleben. Die dabei auftretenden Gemeinschaftsgefühle wie Verbundenheit und Harmonie wer­den dann als die Gotteserfahrung wahrgenommen. Gott in der Tiefe erfahren als der, der er ist, lässt sich aber nur, wenn wir mit uns alleine sind, wenn niemand mehr da ist, auf den wir uns verlassen könnten, der uns trösten und ermutigen könnte.

Im Äussersten ist Er da – und sonst niemand.

Advent lebt in der Erwartung dessen, der dann da ist, wenn kein Mensch sonst mehr da ist. Wir haben Weihnachten unmittelbar vor uns, die Geburt dessen, von dem da die Rede ist. Auch über das irdische Leben von Jesus Christus hat sich der Bogen von Geburt und Tod gespannt. Bei seinem Tod am Kreuz hat er das Alleinsein, das äusserste Verlassensein von allen Menschen erfahren. Das wäre dann Karfreitag. Wir sehen, wir können nicht von Geburt, von Leben reden und den Tod ausklam­mern. Beides gehört zusammen. Unmittelbar nach Karfreitag folgt Ostern. Ostern bedeutet dann wieder Leben, nicht irdisches Leben, ein neues Leben. Ich folgere ein weiteres, drittes Paradox:

Paradox Nummer drei:
Erfüllt leben können wir dann,
wenn wir gelernt haben zu sterben.

Wir brauchen beides. Menschen die da sind, wenn es darauf ankommt. Und wir brauchen die Erfahrung, dass es auch ohne Menschen geht, dass wir in uns und wir in Gott genügen. Beides wünsche ich Ihnen als fortwährende Erfahrung.

Im therapeutischen Schaffen begegnen mir viele Menschen, die sich von der Gemeinschaft mit Menschen zuviel erhofft haben. Es sind Menschen, die auf der Beziehungsebene früh im Leben prägende Verletzungen erfahren haben. Sie suchen dann unbewusst dieselbe Erfahrung wieder, sie suchen ihnen solch vertraute emotionale Beziehungs-Heimatgefühle wieder auf. Viele Menschen, gerade psychisch labilere, geraten dadurch in erneute Abhängigkeiten, Unfreiheiten, geraten in lieblose Beziehungen und Gemeinschaft.

Gerade diesen Menschen spreche ich zu, dass ich es ihnen zutraue, anstatt sich immer und immer wieder in ungute menschliche Abhängigkeiten zu begeben, die Gemeinschaft im Alleinsein aufzusuchen.[1] Darin erfahren, dass die ungute Abhängigkeit von Menschen nicht nötig ist, ihnen nicht würdig ist. Erfahren, dass im Alleinsein nicht einfach nichts ist, sondern sie sich selbst begegnen, einer wertvollen Frau, einem wertvollen Mann. Darin, im Alleinsein erspüren, was in Beziehungen zu Menschen dran ist und was nicht. Gott spricht im Leisen zu uns. Erspüren, welche Beziehungen beendet und welche gemeinschaftlichen Orte gemieden werden müssen. Erspüren, welche Menschen würdig mit einem umgehen. Und dann wieder aus dem Alleinsein heraustreten und erfahren, dass eine neue Art von Beziehung und von Gemeinschaft mit Menschen wächst. n


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[1] Es gibt verschiedene Möglichkeiten und auch Orte, Alleinsein einzuüben. Sind Sie an weiterführenden Informationen interessiert, so können Sie in der Praxis telefonisch oder per Email anfragen.


Gebetsanliegen

Ich möchte Ihnen ein grosses Gebetsanliegen weitergeben. Beten wir für die Menschen, die sich im Einflussbereich von den Ratsuchenden befinden, Freunde und Freundinnen, Familienangehörige, Hauskreise oder Zellgruppen, SeelsorgerInnen, Prediger, Pfarrer. Beten wir, dass diese Menschen einen heilsamen Weg unterstützen, Begegnung mit hintergründigen Persönlichkeitsanteilen wie Ängsten, Gefühlen von Verletzung, Bedürfnisse, Minderwertigkeiten fördern, diesen zum Leben verhelfen und nicht, kaum begegnet, wieder in unversöhnlicher Weise weghaben wollen durch Gebet, positives Zusprechen und dergleichen. Ermutigend wirken heisst nicht nur, das scheinbar Positive, Gute zu betonen, sondern vor allem auch die Begegnung mit dem Dunkeln, Schmerzlichen, Peinlichen einzuüben. –
Bedenken wir, dass die Ratsuchenden ja fähig sind, diesen Anteilen zu begegnen. Viele Helfenwollende haben zwar gute Absichten, halten aber durch ihr Verhalten – unbewusst weil sie da sich selber noch nicht begegnet sind – das Gegenüber klein und im Glauben, dass diese zu solcher Begegnung nicht fähig sind. Bedenken wir weiter, dass Menschen – wir alle – ja gerade auf diesem eher einsamen, schmalen Weg Gott erfahren können als der, der da ist, wenn es darauf ankommt. (Siehe auch Freundesbrief Nr. 19 „Eine Hand inmitten der Bedrohung“.)
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